Nachwuchsprobleme in Agenturen: Was wir Jungen wirklich wollen!

August 15, 2016

 

PR-Agenturen haben in jüngster Zeit ein Problem. Es fehlt ihnen an Nachwuchs. Kaum einer meiner Kommilitonen sieht sich in einer Agentur. Als ich in einem Master-Auswahlgespräch erzählte, dass ich mir meinen Berufseinstieg in einer Agentur vorstellen kann, wurde ich mit großen Augen angeschaut: „Da sind sie heute der Erste.“

 

Fehlender Ehrgeiz? Wunsch nach Work-Life-Balance? Unattraktives Arbeitsumfeld? Ganz klar sind die Gründe nicht. Dabei bemühen sich die Agenturen. Stefan Krueger, Chef der PR-Agentur Cocodibu und ehemaliger wuv-Chefredaktuer, vergleicht in seinem Beitrag in der wuv die Agenturbranche mit Trash-Promi Carmen Geiss:

 

„Wären wir eine Frau, wir würden Carmen Geiss heißen. Nicht mehr die jüngste, aber immer noch genug Kohle im Spiel, um sich vor der Altersarmut zu fürchten [sic!]. Ein bisschen viel schminki, schminki, aber immer noch zu wenig, um mit dem Sex-Appeaklder Twens - in dem Fall den Start-Ups - konkurrieren zu können.“

 

Mir gefällt dieses Bild. Nicht nur, weil ich ein kleiner Carmen Geiss Fan bin („Jetset“). Es bringt die Probleme und Bemühungen der Agenturen auch anschaulich auf den Punkt. Mit „schminki schminki“ umschreibt Krueger die Versuche seitens der Agenturen mit hippen Start-Ups mitzuhalten: Home Office, Mobile Office, Flex Office. Entgegen der Arbeit in Agenturen mutieren Young Professionals unter diesen Arbeitsbedingungen in Start-Ups entsprechend Kruegers Beobachtungen zu regelrechten Arbeitstieren. Das, was sich Agenturen doch so sehr von ihnen wünschen würden. Und dennoch sind Agenturen für junge Arbeitnehmer scheinbar so attraktiv wie... Robert Geiss?!

 

Was also ist die Lösung aus dem Dilemma? Krueger will die gegensätzliche Richtung einschlagen. Normaler Arbeitsalltag mit festen Arbeitszeiten, 8-Stunden-Tagen und Anwesenheit im Büro. Weil es ja sowieso nichts bringt. Mit der Begründung, dass man das den jungen Wilden wohl noch zutrauen dürfe. Nach dem Motto: „Friss oder stirb.“

 

Auf Carmen Geiss übertragen hieße das, dass sie von nun an auf ihr Outfit, Make-Up, tägliche Friseur-Besuche und alle ihre TV-Formate verzichtet. Sie kann es ja doch nicht mit jungen, sexy Dingern aufnehmen. Ganz oder gar nicht. Und da es ganz schlichtweg aus Gründen, die nicht zu ändern sind, nicht funktioniert: dann halt lieber doch gar nicht. Das wäre es dann gewesen für die Millionärsgattin. Das muss doch nicht sein.

 

Für mich steht im Zentrum überhaupt nicht die Frage, wie in unterschiedlichen Organisationstypen gearbeitet wird. So vielfältig die Kommunikationsbranche ist, so sind es ihre Menschen. Allein in meinem Bachelorstudium fanden sich zwischen den zukünftigen Kommunikatoren alle Arbeitstypen. Vom Rocket-Internet-Hipster über die Konzern-Kostümträgerin bis zum Weltenbummler-NGO-Idealisten. Entsprechend sollte man - soweit es geht - den Young Professionals Raum geben. Vom festen 8-Stunden-Büro-Tag bis zum flexiblen Mobile Office.

 

Doch darauf kommt es gar nicht an. Ich würde ein Unternehmen oder eine Agentur nie wegen einem kommunikativen Großraumbüro, einem Tag Home-Office pro Woche oder einer kostenlosen Kaffee-Bar mit Chill-Out-Area wählen. Da erwarte ich etwas mehr.

 

Das Eine mag die Sinnhaftigkeit der Tätigkeit sein, die Start-Ups heute ihren Kunden und jungen Nachwuchstalenten versprechen. So macht inzwischen jeder Pizza-Lieferservice die Welt ein Stückchen besser. Wenn die es hinkriegen, ihr Dasein überzeugend zu rechtfertigen, dann auch die Agenturen, oder?

 

Neben dem Sinn besteht noch ein ganz anderes Bedürfnis seitens junger Talente - und dies ist noch viel elementarer, wenn es um die Wahl eines langfristigen Arbeitsverhältnisses geht. Was wir uns wirklich wünschen ist Wertschätzung. Das fängt an bei einer Vergütung, die der Ausbildung, der Erfahrung und den Fähigkeiten entspricht. Und ich wage die These, dass die in den GPRA-Mindeststandards festgehaltene Mindestvergütung für Young Professionals nicht unbedingt Wertschätzung ausstrahlt.

 

Auch im Agenturalltag: Wenn Arbeitnehmer schon nicht für einen höheren Sinn, sondern für den nächsten Shampoo-Pitch bis tief in die Nacht in der Agentur sitzen, dann doch wenigstens für ein ehrliches Lob vom Chef. Anscheinend kriegt das die Unternehmens- und Start-Up-Seite irgendwie besser hin. Bei Unternehmen gibt’s klischeemäßig mehr Gehalt, die Start-Ups punkten mit Teamgeist und lockerer Atmosphäre. Und die Agenturen? Der einstige „Mad Men“ Charme wird es jedenfalls nicht richten.

 

Nicht zuletzt wünschen wir uns, dass unsere Kompetenz wertgeschätzt wird. Ja, uns ist bewusst, dass wir es nicht mit dem Erfahrungsschatz eines Senior Partners aufnehmen können. Dafür können wir mit anderer Expertise punkten – seien es digitale Kompetenzen, frisches Denken oder Arbeits- und Veränderungswillen.

 

Eine ehrliche Anerkennung unserer Arbeit - mehr wollen wir gar nicht.

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Mit Bart und Mac

Hey. Mein Name ist Jan. Auf "Mit Bart und Mac" teile ich meine Erfahrungen zum Thema Studium, Praktika & Jobs sowie Trends aus dem Feld der Kommunikation. 

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