Gefangen in der Echokammer

September 11, 2017

Politische Echokammern in sozialen Medien – und Wege hinaus

 

Internetaktivist Eli Pariser prägte in seinem 2011 veröffentlichten Buch “The Filter Bubble. What the Internet Is Hiding from You” einen Begriff, der in Zeiten von Trump, Erdogan und AfD relevanter denn je ist (1). Sogenannte Filterblasen beschreiben die Fragmentrierung der politischen Öffentlichkeit und können die politischen Meinungen beeinflussen (2). Um der Informationsflut des Internets Herr zu werden, bemühten sich Suchmaschinen und soziale Netzwerke zunehmend um eine relevante Personalisierung der Inhalte. Das funktioniert gut und komfortabel: Wer „Pizza“ googelt, bekommt durch Algorithmen und Big Data gleich ein Italiener oder ein Lieferservice in seiner Nähe vorgeschlagen. Im politischen Kontext führen diese Effekte jedoch dazu, dass man über seinen eigenen Horizont hinaus keine neuen Informationen erhält. 

 

 

Gut deutlich wird das beispielsweise beim Thema Musik-Streaming. Wird einmal Popmusik gehört, werden weitere Pop-Alben vorgeschlagen. Doch mit Jazz, Rock oder Schlager kommt man nicht mehr in Berührung. Das mag im Bereich der Musik noch zu verschmerzen oder geschätzt sein. Wenn es um politische Meinungsbildung geht wird es hingegen problematisch. Wer etwa eine sehr kritische Meinung zum Thema Asylpolitik hat, wird durch das Liken entsprechender Seiten, das konsumieren bestimmter Medien und durch sein eigenes Netzwerk stets in seiner Meinung bestätigt. Dieser Meinung zuwiderlaufende Informationen erhält er nicht mehr. Entsprechend sitzt er in einer Echokammer. Wer mit einer festen Meinung ins soziale Web geht, kommt mit einer noch stärker verfestigten Meinung heraus.  

 

Machten Echokammern Trump zum Präsidenten?

 

Die Folgen können weitreichend sein. Zu beobachten war dies im Rahmen der US-Wahlen in 2016, bei denen Donald J. Trump mit populistischen Botschaften überraschend gewann. Ein bedeutender Erklärungsansatz für seinen Wahlsieg bestand darin, dass er ideologische Filterblasen in sozialen Medien kultivierte, welche übergreifende Informationen verhinderten (3). Ganz so leicht ist sein Wahlsieg aber doch nicht zu erklären. Die USA ist durch ihre Geschichte und das Zwei-Parteien-System schon strukturell eher auf Polarisierung und Segregation angelegt.  Dennoch schrieb die Süddeutsche Zeitung dazu: „Spätestens seit der Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten gilt die Filterblase als etwas Bedrohliches – für den Einzelnen und für die Gesellschaft, das demokratische Miteinander und das politische System“ (4).

 

Selbst- oder fremdverschuldeter „Verlust von Autonomie“?

 

Die Forschungsliteratur sieht diese Bedrohung in einem Verlust von Autonomie, einer Abnahme der Qualität von Informationen, dem Verschwinden effektiver Debatten oder Informationskanäle (5). Politiker und Hochschuldozent Carsten Ovens, der an der Universität Hamburg zu Echokammern forscht, befürchtet, Filterblasen können „Ausgangspunkte einer neuen, fremdverschuldeten Unmündigkeit“ sein. Ganz so fremdverschuldet sind diese Echokammern jedoch gar nicht. Echokammern entstehen nicht einfach durch undurchschaubare Algorithmen großer Tech-Konzerne. Vielmehr ist es ein Zusammenspiel aus technischen Aspekten der Plattformen und zu einem großen Teil aus dem Nutzerverhalten selbst. Welche Personen sind Teil meines Netzwerks? Welche Seiten habe ich mit ‚Gefällt mir’ markiert? Wie intensiv Nutze ich soziale Netzwerke? Sind sie meine Hauptnachrichtenquelle? Wie interagiere ich mit Beiträgen? All dies beeinflusst die Art der uns angezeigten Informationen erheblich.

 

Die beträchtliche Rolle sozialer Netzwerke

 

Soziale Netzwerke spielen eine gewichtige Rolle bei der Entstehung von Echokammern. Aktuellste Zahlen belegen, dass in den USA 48 Prozent der Internetnutzer ihre Nachrichten aus Facebook beziehen, während dies in Deutschland immerhin 25 Prozent tun (6). Doch schon bevor es das Internet gab, empfanden Menschen ihrer Meinung zuwiderlaufende Informationen als unangenehm und umgaben sich daher so gut es geht mit ihresgleichen. Sie lasen die gleichen Tageszeitungen, sahen die gleichen Fernsehsendungen, sprachen mit den gleichen Mitmenschen. Die sozialen Medien beschleunigen und verstärken diesen Prozess jedoch. Indem sie stets verfügbar sind können sie die eigene Meinung rund um die Uhr und unmittelbar bestätigen. Durch das Ansammeln großer Datenmengen wissen sie immer besser über uns Bescheid und spielen immer treffgenauer jene Inhalte aus, welche uns am besten entsprechen.

 

Alle politischen Meinungen sind verbunden – außer die der AfD

 

Im Hinblick auf die anstehende Bundestagswahl in Deutschland wird nun besonders die politische ideologische Segregation rechtspopulistischer Parteien durch Echokammer-Phänomene betrachtet. Dass es in Deutschland Tendenzen hinsichtlich dieses Phänomens gibt, konnte eine Datenrecherche der Süddeutschen Zeitung unter dem Namen „Der Facebook-Faktor“ zeigen. Mittels der Auswertung von ‚Gefällt mir’-Angaben von knapp 5000 Facebook-Nutzern rund um die politische Landschaft der sieben größeren deutschen Parteien (Linkspartei, Grüne, SPD, FDP, CDU, CSU und AfD) wurden Netzwerkstrukturen deutlich gemacht. Die Untersuchung kam zu dem Ergebnis, dass es auf politscher Ebene im deutschen Facebook keine abgeschlossenen Filterblasen gibt, in denen Rezipienten ausschließlich konforme Informationen erhalten. So finden sich zwischen den Milieus aller deutschen Parteien Verbindungen, mit Ausnahme der im rechtspopulistischen Spektrum zu verordnete AfD. Sie ist von den anderen Parteien weitestgehend isoliert (7). Wie schafft es die AfD, derart viele Menschen in Facebook zu mobilisieren und ihre Meinungen zu verfestigen? Ein nicht unwesentlicher Teil des Erfolgs fürchte in dem Zunutzemachen genau dieser Mechanismen begründet sein.

 

Wege aus der Echokammer

 

Was ist also nun zu tun? Wie lässt sich wieder ein öffentlicher Diskurs führen, bei dem alle Argumente allen Menschen zugänglich sind? Was ist ein Weg heraus aus der Echokammer? Zunächst gilt es, sich den Mechanismus und die damit verbundenen Problematiken bewusst zu machen. Zu wissen, dass es Echokammern gibt und eine Idee davon zu haben, wodurch diese entstehen, schafft ein Bewusstsein für die Problematik und macht einen bewussten Umgang damit erst möglich.

 

Eine Strategie sich der Echokammer zu entziehen liegt darin, gezielt neue Informationen und Informationsquellen zu suchen und sich aktiv damit auseinanderzusetzen. Facebooks Algorithmen sind nicht dafür programmiert uns mit anderen Ansichten zu konfrontieren – das können nur wir selbst. Also heißt es, auch mal andere Seiten und Medien als die altbekannten zu nutzen. Darüber hinaus sollte Facebook nicht aus Bequemlichkeit das einziges Nachrichtenmedium sein. Fernsehen, Radio, Tageszeitungen und nicht zuletzt Gespräche mit Freunden oder Kollegen geben neue Informationen und eröffnen andere Perspektiven – dies schult unsere kritische Distanz und ermöglicht es uns, eine eigene Meinung zu bilden, die nicht durch Echokammern vordefiniert ist.

 

 

Einzelnachweise
 

(1) Pariser, E. (2011). The Filter Bubble: What the Internet Is Hiding from You. New York: Viking | Penguin Press.


(2) Kleinen-von Königslöw, K. (2016). Publikumsfragmentierung in der Online-Nachrichtenumgebung. In P. Henn & D. Frieß (Hrsg.) Politische Online-Kommunikation. Voraussetzungen und Folgen des strukturellen Wandels der politischen Kommunikation, S. 253.


(3) Groshek, H. & Koc-Michalska, K. (2017). Helping populism win? Social media use, filter bubbles, and support for populist presidential candidates in the 2016 US election campaign. Information, Communication & Society, 20 (b9), S. 1390


(4) Brunner, K. & Ebitsch, S. (2017). Von AfD bis Linkspartei - so politisch ist Facebook. Süddeutsche Zeitung Online. Zugriff am 31.08.2017 unter http://www.sueddeutsche.de/politik/politik-auf-facebook-rechte-abschottung-ohne-filterblase-1.3470137


(5) Bozdag, E. & van den Hoven, J. (2015). Breaking the filter bubble: democracy and design. Ethics Information Technology, 17. S. 263.


(6) Newman, N; Fletcher, R; Kalogeropoulos, A; Levy, D. A. L. & Nielsen, R. K. (2017). Reuters Institute Digital News Report 2017. Reuters Institute for the Study of Journalism, S.71 & S.103.


(7) Brühl, J.; Brunner, K. & Ebitsch, S. (2017). Der Facebook-Faktor. Wie das soziale Netzwerk die Wahl beeinflusst. Süddeutsche Zeitung Online. Zugriff am 31.08.2017 unter http://www.sueddeutsche.de/politik/politik-auf-facebook-rechte-abschottung-ohne-filterblase-1.3470137

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